Texte und Storys

MOLLYWOOD

Mollywood liegt in einem abgelegenen Zipfel Brandenburgs. Nicht hinter den sieben Bergen, nicht bei den sieben Zwergen. Noch nicht.

Miss Molly ist das kleine Haus mit den gelben Augen, der backsteinfarbenen Scheune und den Eseln im schlanken, sehr bewalnussbaumten Garten.

Dort spielen sich in dem nach Pippi-Langstrumpfprinzip bunt bevölkerten Streichelgarten die wundersamsten Dinge ab. Auf der Suche nach selbstbestimmten, möglichst selbstversorgendem Leben haben sich hier Mensch und Tier zum Abenteuer ihres Lebens zusammengefunden.

Vor dem Haus führt ein steiler, gewundener Weg in die Tiefen der Wälder der Mark.

Daher der Name - Mollywood.

Ein Paradies, hätte der liebe Gott nicht Versuch und Irrtum, Blut, Schweiß und Tränen erfunden, um die Tomatenernte zu erschweren. Oder den himbeersüchtigen Esel. Das kriminelle Huhn mit dem IQ von 120. Das traumatisierte ehemalige Rennpferd. Den allzu gutmütigen Hofhund. Den radikalisierten Gartenzwerg.

Am Ruder dieser Arche wähnt sich eine konsumerschütterte, bisweilen allzu naive, lebenssüchtige Musikerin.

In Wirklichkeit aber schmeißt zum Glück eine so flauschige wie vernunftbegabte Neufundländerin den Laden. Oder doch der Esel Noah?

In Mollywood findet man Geschichten aus einem Leben unter Tieren. Dokumentatorische Parabeln vom Miteinander. Den ultimativen Versuch interrassionaler Verständigung. Texte, Gedanken aller beteiligter Arten. Auch aus dem Spannungsfeld zwischen Aussteigertum und gesellschaftlichem Engagement. Einem Leben zwischen Bühne und Stallausmisten. Videos, die den ganzen Spaß dokumentieren. Das lustvolle vermeintliche Scheitern, das Hinfallen, das Wieder-Auftstehen, das Krönchen-Richten. Die Weite des Weges, seine Freuden, seine Härten, das pure Glück, den Dreck unter den Fingernägeln zu betrachten und lächelnd zu erkennen:

Das ist Erde.

 

„Nein, Mildred, ich gehe nicht zu dem Empfang.

Und wenn Gott selber dort erschiene und mit unterschriebenen Engagementverträgen bis in alle Ewigkeit wedeln würde. Ich hab auch gar kein Kleid, das zum roten Teppich passt. Ausflüchte, ach was Ausflüchte. Ich will bloß nicht länger den potentiell sprudelnden Perlen meiner Lebenszeit beim Verrinnen in schalen Champagnerkelchen zusehen. Schlechter Stabreim, ich weiß. Wenn ich noch eine einzige Veranstaltung lang gezwungen werde, vor mich hinzulächeln, während ein C-Promi seine überbleichten Zähne in einen Designerpumps aus Printenteig schlägt, bleibt mein Gesicht so stehen. Dann sehe ich aus wie Kermit, der Frosch, nach misslungener Wurmkur und das lebenslänglich. Ich weiß, dass ich gesellschaftlich nicht mehr stattfinde. Ja. Ja – das Alphabet hat nicht genug Buchstaben, um meinen eigenen Unprominenten-Status zu beziffern. Verstehe. Paul Lagerhalle hat das Kleid schon auf meine Maße… ja…großes Problem…

Ich mache mich nicht lustig, Mildred. Ich sitze nur lieber einsam auf einem Kürbis als eingequetscht zwischen Samtkissen. Du hast Thoreau auch gelesen? Nein, ich halte Dich doch nicht für ungebildet, nur…

Pubertäres Bilderstürmen? Vielleicht. Aber ich stehe hier und kann nicht anders. Um im Bild zu bleiben. Ich schau hier draußen grad meinem inneren Moses in die Pupille und frag: „Hey, Alter, sag mal, kamen die Dinger eigentlich mit Quellenangabe?“

Mildred, wir tanzen nicht mehr um das gleiche goldene Kalb. Wieso Verblendung? Das ist eine Frage des Blickwinkels… Ich werde eine Lösung für die Verträge finden. Die sind ja nicht in Stein gemeißelt. Hah! Nein, nicht witzig, verstehe…. Ja, Mildred, du hast natürlich recht. Undankbar.

Halt mal… Du… Mildred, da läuft grad mein Hund an mir vorbei Richtung Gemüsegarten. Und er hat… er hat …meine Bibel im Maul…

Nein!! Das ist keine neue Ausrede. Das ist meine neue Realität. Ich muss jetzt Schluss machen und herausfinden, was der Hund mit der Bibel vor…!! Mildred….? Aufgelegt… Unfassbar…“

SCHEIß ANTIAUTORITÄRE TIERERZIEHUNG!

brüllte der Lieblingsmensch und prügelte auf einen Zaunpfahl ein, der sich tapfer widersetzte, ins Erdreich getrieben zu werden.

„Ihr kommt alle in den Topf!“ Die leere Drohung blieb ungehört, weil es selbstverständlich in Strömen regnete.

In Ophelias Augen hatte ihr Lieblingsmensch selten ein sinnvolleres Verhalten an den Tag gelegt. Freizeitgestaltung mit Wasser aus allen Himmelsrichtungen und Hühnern mit dem Tod durch Fressen zu drohen. Wie oft wünschte sie sich nicht, den Regen ausgiebig mit ihren Freunden zu genießen und dabei gemeinsam kulinarischen Tagträumereien nachzugehen. Leider wusste sie, dass beides nur von kurzer Dauer sein würde. Sie beschloss also, den Moment umso rückhaltloser zu genießen, lief hochmotiviert zu Lieblingsmensch und schüttelte sich liebevoll ausgiebig direkt neben ihr.Das einzige allerdings, was Lieblingsmensch wirklich gerne gefressen hätte, war der Salat, dessen unschuldige Setzlinge sich dato tragischerweise niedergemetzelt auf vier Quadratmetern Schlachtfeld in den letzten Zuckungen befanden. Spektakulärer Gemüsozid. Das war die Arbeit von Profis. Empfindlichen Vegetariern hätte man ob des sich darbietenden Massakers die Augen zuhalten müssen.

Aber mal im Ernst – was hatte Lieblingsmensch denn erwartet? Ein Huhn war ein Huhn blieb ein Huhn. Und dreizehn Hühner erst… Gemessen am beständigen Vakuum in Ophelias Magen, waren das immer mindestens 12 zu viel. Einige waren ja ganz nett. Pickten einem die Kletten aus dem Fell, halfen Esel jagen. Andere hingegen schlichen sich ins Haus, fraßen die Näpfe der Katzen leer und standen glucksend daneben, wenn die Hunde dafür zur Verantwortung gezogen wurden. Ophelias innere schwarze Liste jedenfalls stand. So gerne hätte sie Lieblingsmensch geholfen.

Primär mit guten Ratschlägen. Beispielsweise dem sachkundigen Hinweis, dass Hühner Flugtiere sind. (Unangenehme Sache das, gerade wenn man gerne jagt.) Und, dass demzufolge die am Pfosten deutlich abzulesende geplante Zaunhöhe eher von symbolischem Charakter geprägt sein würde. Zumal, wenn die Tierhaltung nicht nur „scheiß-antiautoritär“ sondern in Gänze gewaltfrei von Statten ging und hier niemand niemandem die Flügel stutzte. Weder wörtlich, noch im übertragenen Sinne. Stattdessen leckte Ophelia Lieblingsmensch so zärtlich es ihr möglich war die bemitleidenswert felllose Hand. Lieblingsmensch vergrub auch prompt den Kopf in ihrem Nackenfell und beklagte sich bitter.

„Sie haben zwei riesige Misthaufen, ihren eigenen Kompost und mehr Pferdeäpfel als im Hühnerparadies. Warum müssen sie meinen Salat töten?“

Die Antwort war so banal einfach, dass Ophelia sie nicht einmal geäußert hätte, wäre sie der Sprache mächtig gewesen. „Weil sie es konnten“. Ein im Übrigen überaus menschlicher Beweggrund. Menschen verstiegen sich zu wesentlich seltsameren Verhaltensweisen.

Einfach nur, weil sie es konnten.

Aber erklär‘ das mal Deinem Lieblingsmenschen.

 

Sternbild Esel

„Wenn ich groß bin, möchte ich ein Sternbild werden“, sagte der Esel mit leuchtenden Augen.

Kater Hamlet folgte dem Blick des Grauen in den sommernächtlichen Himmel, bis es im Nacken zwickte. Für Hamlets Dafürhalten war der Esel schon groß. Körperlich. Jede andere Form von Größe konnte er sich ohnehin von der drahtborstigen Backe schmieren, schließlich war er ein Esel.

Und keine Katze.

„Und was machst Du dann tagsüber?“ Die Doppelbödigkeit dieser Bemerkung fiel in Zeitlupe durch die unendlichen Weiten des Alls.

„Da ruhe ich mich aus, um nachts zur Hochform aufzulaufen.“, strahlte der Esel.

„Aber das tust du doch jetzt auch schon.“ Tatsächlich wuchs der Esel nachts über sich hinaus. Die Dunkelheit erweckte regelmäßig die abgründige Fülle seiner kriminellen Energie zum Leben. Nachts konnte er auf einmal Weidezaungeräte unschädlich machen, Schlösser knacken und Fluchtwege planen. Tagsüber war er ganz Poet und somit unbrauchbar. Dadurch hing in gewisser Weise die volle Sichtbarkeit des Esels bereits von astronomischen Gegebenheiten ab. Er war quasi schon ein Sternbild. Aber wie erklärt man das dem Esel?

„Ist es nicht traurig, dass es kein Sternbild „Esel“ gibt? Es gibt doch auch „großer und kleiner Wagen“! da hätte „kleiner und großer Esel“ doch nahe gelegen.“ Im Blick des Esels lag tiefe Verletztheit. Und die traurige Gewissheit der Unabänderbarkeit der Weltordnung.

Es gab Sternbilder, es gab Menschen, die sie benannten. Und es gab Esel.

„Mach Dir nicht so viel daraus. Es gibt auch kein Sternbild „Katze“, oder „Pferd“ nicht einmal „Hund“!“ Und die standen sonst auf der Liste der bodenlosesten Auswüchse menschlicher Günstlingswirtschaft immer ganz oben.

„Ja – aber ihr dürft sonst schon alles. Ins Haus, auf den Schoß, mit Pharaonen beerdigt werden. Und wir? Werden mit Süßigkeiten gefüllt und mit dem Stock verdroschen. Pinata, Pinata!“

Waren Huftiere zu revolutionärem Aufruhr in der Lage? Falls, begann er sicher so.

Vorerst warf der Esel sich in den Staub und unterstrich das metaphysische Sich-Suhlen-im-Selbstmitleid durch real stattfindendes Wälzen. Übersprungshandlung und Reinigungsritual. Kater Hamlet fand, den Esel zu beobachten ähnelte der Auseinandersetzung mit naiver Malerei.

Die Turmuhr schlug zehn. Es war Mausezeit. Der Kater zog seiner Wege. Auf dem Sprung befand er abschließend, lieber kein Sternbild sein zu wollen. Die hatten bestimmt einen lausigen Geruchssinn und einen eselig verkümmerten Jagdinstinkt. Und er müsste sich zeitlebens die Erde von oben ansehen.

Dann doch lieber den „kleinen Esel“ von unten.